Gelesen: Reiseziel Utopia

Vor der Lektüre des Buches stand die Frage: Was zum Geier ist Solarpunk?

Cyberpunk kennt man, Steampunk mittlerweile auch, wer tiefer eintaucht, lernt dann noch Dieselpunk und sogar Atompunk kennen. Während vorgenannte Varianten vereinfacht Steampunk in späteren Epochen sind (Steampunk ca bis zum 1. Weltkrieg, Dieselpunk ca 20. und 30. Jahre, Atompunk 40er und 50 Jahre) geht Solarpunk über eine reine Zeiteinteilung hinaus.

Man könnte Solarpunk als die Renaissance der Utopie verstehen. Basierend auf der Beobachtung, dass die Dystrophie ihre aufklärende, abschreckende Wirkung verloren hat und stattdessen ein gewisser Gewöhnungseffekt eingesetzt hat.

Man mag meinen, jede Horrorvorstellung findet ihren Kreis von Zynikern die z.B. ein 1984 für eine tolle Idee oder zumindest unvermeidlich halten und sich förmlich darin suhlen. Der eine oder andere wird schon dem einen oder anderen Realität gewordenen SF-Element wie dem Kommunikator/Handy oder dem Tablett begegnet sein und so liegt es nahe an der Stelle die inspirierende Kraft der Fiktion für eine spätere Realität einfach mal als fix anzusehen. Vielleicht wird es sogar in nicht allzuferner Zukunft was mit dem selbstfahrenden und fliegenden Autos.

An der Stelle setzt Solarpunk an. Es ist besser, für etwas zu kämpfen als gegen etwas. Anscheinend bin ich mit meiner Einschätzung hier nicht alleine und so hat Stefan Holzhauer sich die Mühe gemacht und eine Anthologie mit möglichst positiven Utopien herausgebracht.

Ebene jenes „Reiseziel Utopia“ mit seinen umfänglichen, größtenteils gut unterhaltenden 20 Kurzgeschichten. Einige Namen kennt man aus dem Steampunk-Umfeld, den Lesungen der Brennenden Buchstaben in SL oder von dem einen oder anderen Perry Rhodan Treffen, es sind aber auch ein paar für mich neue Namen mit dabei. Im Detail werden die Einzelrezensionen kurz bis lakonisch ausfallen und kommen erst ganz zum Schluss. Das Gros der Geschichten hat mir gut gefallen, es waren aber leider ein paar dabei, bei denen es dann doch eher ins Pädagogische ging. Ja die Intention ist wichtig und gewollt, darf aber dann die Geschichte nicht erdrücken. Eine Utopie ist nur solange eine Utopie, wie sie funktioniert, d.h. nicht ins Dystopische kippt oder zu einer Parodie ihrer selbst wird.

Als kleiner Wehmutstropfen scheint beim Aufbereiten des E-Books was schiefgelaufen zu sein. Es gibt ein paar Buchstabenfehler und das Inhaltsverzeichnis ist nicht vollständig, was die Besprechung etwas erschwert. Schön sind aber das Vorwort und die kurze Autorenvorstellung am Ende der meisten Kurzgeschichten.

Vorweg ein Kauf der bis auf ein, zwei Ausrutschet lohnt und einigen Lesespaß und vielleicht die eine oder andere Anregung bietet.

„Der Wunsch nach Rettung“ von Olaf Stieglitz

Mir hat die Geschichte von Olaf Stieglitz gut gefallen. Ob sie ganz ins Schema Solarpunk passt, überlasse ich anderen zu beurteilen, gute SF war sie allemal. Toller Twist am Ende!

„Der Fernhändler“ von Ingo Muhs

Eine weiteres Highlight der Anthologie. Ein etwas schlüriger, bis unverantwortlicher Protagonist, aber eine schöne Geschichte. Auch wenn sie zwischendurch etwas in Geschichtsunterricht ausartet.

„Back to Basic“ von Carmen Capiti

Auch im Paradies ist nicht alles perfekt. Eine schöne Geschichte für ein gewisses Maß an Augenmaß und Individualität. Schön und gut geschrieben.

„Das Feld der Bäume“ von Gerhard Huber

Eine eher ruhige Geschichte um einen alten Mann in einer fernen Welt. Mit einem gewissen Etwas am Ende. Ein schöner Schluss, der mich schmunzeln ließ.

„Kane, der Krieger“ von Victor Boden

Die Geschichte überzeugt durch Lebendigkeit und ein etwas mystisches außeriredisches Element, das am Ende für eine fast utopische Welt sorgt. Hm vielleicht nicht komplett utopisch, aber friedlich. Hier schlägt das Herz eines SF-Fans höher.

„Cornucopi“ von Dieter Bohn

Was passiert wenn man auf Knöpfen herumdrückt aber nicht wirklich weis, was dann passiert, erfährt man in der Geschichte von Dieter Bohn, einen Routinier aus dem Perry Rhodan Umfeld. Unterhaltsam und gut geschreiben. Genau das Richtige nach einem langen Arbeitstag zur Entspannung.

„Der Himmel über Nova“ von A.L. Norgard

Ein schmissiger SF-Agententriller, soweit es die Kürze der Geschichte es zuließ. Vielleicht wagt sich der Autor an eine lange Version in Romanlänge. Die Geschichte und der Schreibstil würden es hergeben. Die Geschichte hat mir einen Abend versüßt.

„Erstkommunikation“ von Paul Tobias Dahlmann

Erinnert mich in seiner Lebendigkeit und von der liebevollen Gestaltung von Umfeld und Außerirdischen an einen guten Perry Rhodan. Flott geschrieben und wäre nicht das Ende eine vollkommene Verletzung der ersten Direktive, würde ich es noch einer anderen weltbekannten SF-Serie zuordnen. Doch hat was.

„Der Tag der Erkenntnis“ von Yann Krehl

Ein flotter SF-Krimi, der mich aber mit seinem offenen Ende etwas ratlos zurücklässt. Gut geschrieben, aber der Spannungsbogen schließt sich nicht ganz. Ich vermute das könnte Absicht gewesen sein um nach der Lektüre die Gedanken über die aufgeworfenen gesellschaftlichen Fragen kreisen zu lassen.

„Aufbruch“ von Jens Gehres

Utopische Military SF in durchaus opulenter Ausprägung. Für Fans des Subgenres ein Muss.

„Der gelbe Ritter“ von Thomas Kodnar

Es gibt Hoffnung auch im langweiligen Job. Sehr stimmungsvoll.

„In guten Händen“ von Joachim Tabaczek

Gute SF bei der ich schmunzeln musste. Eher auf der humorgien Seite, aber durchaus mit nachdenklichen Zügen.

„HEIMAT“ von Herbert Glaser

Durchaus mitnehmend und stimmungsvoll.

„Guerilla“ von Dorothe Reimann

Guerilla-Gardening. So gefällt Post-Apokalypse 🙂

„Kommt zum RingelRanGel-Platz!“ von Andreas Raabe

Erinnern, auch wenn es weh tut. So einfach der Pitch so gelungen die Ausführung, muss man etwas sacken lassen. Das war jetzt etwas anspruchsvoller.

„20 Minuten“ von Marcus R. Gilman

Ich muss zugeben, ich habe geschummelt und beim ersten Lesen etwas vorgespult, an dem Abend war mir nicht nach überfüllten Straßen und Aktion. Am Schluss wird man dafür durch eine etwas längere Auflösung entschädigt. Im Nachhinein macht der Abendteuerteil aber mehr her als der doch leicht ins pädagogische gehende Schluss. Durchaus gut erzählt und kurzweilig.

„Der Brand“ von Daliah Karp

Meinem Geschmack nach etwas viel Zuckerguss und zu schnelle und harmonische Auflösungen der utopischen Detektive-Story. Es wirkt in der Buntheit etwas künstlich, zudem ich die Auflösung für etwas bedenklich halte.

„Der erste Schritt“ von Olaf Stieglitz

Zwei Geschichten von einem Autor? Wer diese Geschichte gelesen hat weiß warum, denn diese ist es wirklich wert veröffentlicht zu werden. Stimmungsvoll, mit einer charmanten und sehr realistischen Wendung am Schluss. Es ist halt mal nicht alles ganz so einfach.

„Der Elter“ von Jens Gehres

Und noch eine zweite Geschichte. Auch diese Hommage an Isaak Asimow hat sich ihren Platz wohl verdient. Etwas aufs Gemüt gedrückt, aber das darf auch mal sein.

„Elysium“ von Anja Bagus

Waschechte SF von der Königin des Æthers. Ob diese Gesellschaft wirklich eine Utopie ist? Das sollte man nach der Lektüre der Geschichte selbst entscheiden. Jedenfalls mit viel Liebe zum Detail und dem einen oder anderen Insider gewürzt.

„Vorfall in Utopia West“ von Gernot Schatzdorfer

Im Prinzip eine gute Geschichte, wäre da nicht der eine oder andere Sprung in der inneren Logik der Geschichte, die mich an der einen oder anderen Stelle etwas ins Schleudern gebracht hat. So ganz schlüssig wirkt die Auflösung nicht.

Schade, denn da war durchaus Potenzial, aber an einigen Stellen ging es dann doch etwas zu glatt über die Bühne, auch wenn einige Register gezogen wurden. Hier wäre vielleicht eine andere Perspektivfigur sinnvoll gewesen.

In Summe überzeugt die Anthologie, zumal es kurzweiligen Lesestoff für einige Abende bietet. Mehr als ein, zwei Geschichten sollte man aber nicht am Stück lesen, denn viele Geschichten haben Aspekte und Ansatzpunkte, die man sacken lassen und reflektieren sollte.

Wem die Rezension gefallen hat oder nicht darf sich gerne mit einer Rezension meiner Geschichten revanchieren. Ich weiß, dass das Zeit und Mühen kostet 😉

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1 Antwort zu Gelesen: Reiseziel Utopia

  1. Danke für die positive Bewertung, das freut den Herausgeber. 🙂

    Ich habe die eBook-Versionen auf verschiedenen Lesegeräten getestet (eReader und Tablets) und auch Dritten zum Testen gegeben. Es sah alles gut aus und es kamen keine Rückmeldungen über Fehler, deswegen bin ich etwas überrascht.

    Um das Problem zu lösen würde mich interessieren, welche eBook-Version Du genutzt hast (ePub oder Kindle) und auf welchem Lesegerät oder mit welcher App. Dann kann ich dem Problem vielleicht auf die Spur kommen und das eBook ggfs. korrigieren … Bei dem Format geht das ja glücklicherweise, bei einem Printbuch eher nicht … 🙂

    Gruß,
    Stefan

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