Das FdL 2015, die Interviews danach: Tobias Schindegger

Dieses Interview fand, etwas unglücklicher Weise *1, fast zeitgleich mit dem Treffen der SL-Schreibgruppe des Kreativdorfs statt und so habe ich leider nur die ersten 15 Minuten einer sehr interssanten Diskussion über Fantasy und Science-Fiction mit bekommen …

Aber jeder der die aktuellen Ereignisse in der Presse und in den Medien mitverfolgt, sollte um die aktuelle Flüchtlingwelle wissen, die gerade in Deutschland und Europa angekommen ist. Von daher war es mir ein besonderes Anliegen und eine Freude den Verfasser des kostenlosen E-Books „Ich bin ja kein Nazi, aber…“Tobias Schindegger interviewen zu können.

Hydors Golem: herzlich willkommen zum Interview und natürlich am Lagerfeuer im Garten der Hünensphäre

Tobias Peccable: Vielen Dank … schön hier zu sein … 🙂

Hydors Golem: Wie gefällt dir den die virtuelle Welt bisher so? Und wie bist du da zugekommen? Dein Avatar ist ja schon etwas länger mit dabei.

Tobias Peccable: Ich bin über die Website „Ich mach was mit Büchern“ von Leander Watting auf das Kafe Krümelkram gestoßen. Und habe dort eine erste Lesung meines Fantasy Romans „Gnom, unser“ gegeben. Und so kam eines zum anderen …

Stimmt, meinen Avatar gibt es schon etwas länger – und er hat noch immer keine lange Hosen … 😀

Hydors Golem: ah, ok. Na hier friert man ja auch im Schnee nicht. Bei einer Lesung des FdLs saß man ja direkt in einer Schneekugel, hattest du die Chance die zusehen?

Tobias Peccable: Leider nein, die hab‘ ich verpasst. Aber ich habe Screenshots davon gesehen … 🙂 Von Burkhard Tomm-Bub

Hydors Golem: Ja, die war echt klasse, aber das es eine Schneekugel war habe ich auch erst nachher auf einem Blog gesehen.

Tobias Peccable: 😀

Hydors Golem: du warst ja mit deinem Buch „Ich bin ja kein Nazi, aber …“ auf dem FdL mit vertreten, ich habe leider ein paar Punkte verpasst, wie war die Resonanz auf das brandaktuelle Thema? Es gab ja auch ein paar andere Punkte auf dem FdL, die sich sehr intensiv mit den ankommenden Flüchtlingen beschäftigt haben.

Tobias Peccable: in SL durchweg positiv. Zumindest wurde mir davon erzählt, da ich auf dem FdL persönlich nicht zugegen war. Aber Kueperpunk Korhonen war so freundlich aus meinem Werk zu lesen. Burkhard Tomm-Bub hat das Büchlein eingebunden.

Auf Amazon allerdings sind bereits Kontroversen entstanden. Auch auf BookRix waren einige negative „Kritiken“ aufgetaucht. Ich denke das weniger das Buch an sich, sondern das Thema „Asylbewerber“ ausschlaggebend für die Bewertung des Buches ist. Man merkt das, wie emotionsgeladen die Resonanz ist. Einige glorifizieren das Büchlein als „Meilenstein der Geschichte“, andere halten es für totalen Unsinn …

Beides ist mir ein wenig unangenehm, dennoch bin ich froh es veröffentlicht zu haben … 🙂

Hydors Golem: hm ja die aktuelle Diskussion ist sehr emotionsgeladen und ich habe das Gefühl, das nur die extremen Standpunkte ans Tageslicht kommen. Ich habe es natürlich auch gelesen und finde den sachlichen Ton sehr gut.

Tobias Peccable: Danke … mir war es wichtig, die Fakten darzustellen und Leuten die Angst zu nehmen. Natürlich wäre ich auch froh, wenn überall auf der Welt Frieden herrschen würde und es keinen Flüchtlingsstrom gäbe.

Aber er ist nun mal da und es sind Menschen, die unsere Hilfe brauchen.
Die ihr Leib und Leben und das ihrer Kinder riskieren, die so verzweifelt sind und diese Strapazen auf sich nehmen. Ich finde es schlimm, dass Ihnen mit so viel Hass begegnet wird. Und das auch in meinem Kollegen und Bekanntenkreis genau solche Sätze kamen wie „Ich bin ja kein Nazi, aber …“

Aber einfach abnicken und auf Smalltalk wechseln wollte ich nicht. Ich musste meine Stimme erheben. Das Zitat „Alles was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit“ von Kofi Annan hat mich dazu angeregt, das Buch zu schreiben und zu veröffentlichen.

Hydors Golem: ja, das Zitat habe ich die Tage auch gelesen und finde es sehr passend. Diese Situation habe ich in letzter Zeit des Öfteren beobachtet, auch in vollkommen anderen Zusammenhängen: Die große Masse schweigt und das Bild in der Öffentlichkeit wird von wenigen, aber dafür sehr lauten kleinen Gruppen geprägt. Ich glaube, es ist wichtig das mehr aus der schweigenden Masse heraustreten und überlegt und sachlich etwas zum Thema betragen.

Wie du das jetzt gemacht hast. Hast du selbst in deinem Umfeld mit den ankommenden Flüchtlingen zu tun? Oder war es eher das, was z.B. Pedgida da so von sich gibt?

Tobias Peccable: Ich arbeite als Diplom-Sozialpädagoge schon ziemlich lange für einen Verein der Behindertenhilfe mit dem Dachverband Diakonie im Bereich der „Sozialpsychiatrie“. Selbst verständlich sieht sich dieser Verein auch in der Pflicht, Menschen in Not zu helfen. Und ja, ich kenne Projekte und nehme auch an diesen Teil. In meiner eigentlichen Arbeit kommt es auch immer wieder zu diesen Diskussionen. Ja Pegida ist (auch) in Thüringen sehr dominant. Siehe Björn Höcke und Co. …

Hydors Golem: Hast du die Hoffnung, dass deine Zeilen auch dort bei dem einem oder anderen dort Gehör finden werden, oder eher weniger?

Tobias Peccable: Bei den Radikalen stoßen diese Zeilen vermutlich rein auf Ablehnung. Mir geht es primär um die Menschen, die sich noch eine Meinung bilden wollen, oder noch unsicher sind. Außerdem möchte ich Menschen, die „Pro Asyl“ und „Pro Menschenrecht“ sind, Argumentationsgrundlagen geben, um sich gegen diese „asylfeindlichen“ bzw. „menschenfeindlichen Aussagen“ Stellung zu beziehen, falls diese in ihrem Verwandten- bzw. Bekanntenkreis auftauchen.

Hydors Golem: Ein Punkt, der mir aufgefallen ist, ist das Thema Wohnungen. Du erwähntest dort, dass sich z.B. der soziale Wohnungsbau von 3.5 auf 1,5 Millionen Wohnungen reduziert hat? Könnte dieses „Kaputtsparen“ einer der Gründe für den massenhaften Zulauf bei z.B. Pegidia sein? Insgesamt ist das Klima sehr rau geworden, der „Controller“ ist ja mittlerweile zu einem neuen Feindbild aufgestiegen. Oder besser neuem Buhmann.

Pegidia ist ja eine Sache, die schon vor dem extrem angestiegenen Flüchtlingsstrom aufgetreten ist. Es treffen hier also zwei große Probleme aufeinander oder?

Tobias Peccable: Wenn eine Regierung jahrelang in Bereichen „Soziales“ spart, darf man sich nicht wundern, wenn dies zu Unmut führt. Das die Menschen, denen zukünftig Asyl gewährt wird, auch wirtschaftlichen Aufschwung bieten, Steuern zahlen und somit zu einem Aufschwung führen können, wird unterschätzt.

Auch die Asylproblematik und die Gefahr durch Terrorismus durch die „Rechten“ wurde lange unterschätzt. Dies ist defakto ein Problem und muss jetzt im Eilverfahren gelöst werden. Viele dieser Radikalen haben ja Angst ihren „Wohlstand“ zu verlieren … dies ist ein Irrtum! Deutschland ist und bleibt ein wohlhabendes und wirtschaftlich stabiles Land im europäischen Vergleich.

Angenommen die Bundesrepublik könnte jeden Asylbewerber abschieben, es gäben keine weiteren mehr, dann würde doch keine Regierung der Welt den Rückschluss ziehen: „So, dass Geld, dass wir jetzt sparen, lassen wir den Bürgern zugutekommen, um beispielsweise das Kindergeld oder den Hartz 4 Satz zu erhöhen.“ So funktioniert Politik nicht.

Hydors Golem: Ich befürchte, da hast du recht. Das SF-Autor ist man ja den einen oder anderen Gesellschaftsentwurf und denen Abgleiten in die Dystropie gewohnt. Leichte und schnelle Lösungen sind mir da sehr suspekt. Politik scheint aber genau von solchen Schlagworten zu leben. Siehst du das ähnlich?

Tobias Peccable: exakt. Wenn ich die Realität betrachte und mit welchen „Radikalen“ sich Menschen, die aus Kriegsgebieten flüchten (in denen übrigens auch mit deutschen Waffen geschossen wird) flüchten, scheint mir, diese Anti- bzw. Negativ-Utopie sei gar keine Utopie mehr. Gott-sei-Dank gibt es ja auch noch philanthrope Menschen. Momentan sind die amtierende Regierung und Europa (mit den dazugehörigen Bürgerinnen und Bürgern) in der ethisch moralischen Pflicht, schnell zu handeln. Dass dies nur eine vorübergehende Lösung sein kann, ist klar. Langfristige Lösungen müssen her.
Das Thema ist so komplex. Im Grunde genommen müssen die Fluchtursachen bekämpft werden. Und Europa trägt da durchaus ihre Mitschuld. Stichwort Waffenexporte, Stichwort „Globalisierung“ (zu deutsch: Ausbeute der Armen in einem fremden Land), Raubbau, Rohstoffplünderung etc. …

Hydors Golem: Die aktuelle Situation in Syrien erinnert an die schlimmsten Auswüchse des Kalten Krieges mit ihren Stellvertreterkriegen.

Tobias Peccable: Ja, genau. Werden die Menschen in ihrem Land nicht durch „echte“ Armut und Kriege bedroht, würden sie ja nicht übernacht ihr Hab und Gut aufgeben und das Leben ihrer Kinder und das eigene aufgeben, um zu flüchten …

Industrieländer waren schon immer geschickt darin, Kriege in armen Ländern auf dem Rücken der dortigen Bevölkerung austragen zu lassen. Sei es der Koreakrieg, der Spanischer Bürgerkrieg, der Vietnamkrieg, etc. …

Hydors Golem: Der erste Schritt ist dort denke ich nicht zu schweigen und das anzuprangern.

Tobias Peccable: exakt, daher das kostenlose eBook :-D. Nicht schweigen – handeln.

Hydors Golem: ja ich habe gesehen du hast noch eine ganze Menge mehr Bücher auf Amazon. Neben einigen Kinderbüchern gibt es dort auch noch das Anti-Burnout-Tagebuch, was hat es damit auf sich, es ist ja nichts als Ratgeber gedacht oder?

Tobias Peccable: Nein. Ich schreibe nur ungerne Menschen etwas vor. Es ist eine Art vorgefertigtes Tagebuch, das Menschen helfen soll, sich vor dem Burnout zu bewahren bzw. da herauszukommen, in dem sie animiert werden, sich auch Zeit für sich zu finden, Hobbys (wieder) zu entdecken. Dinge zu finden, wo man abschalten und einfach Spaß haben kann.

Ich arbeite knapp 11 Jahre in der Sozialpsychiatrie und habe viele Menschen mit einer Depression kennengelernt bzw. von ihnen gelernt. Viele berichteten auch von „Burnout“. Vor gar nicht allzu langer Zeit, hatte ich selbst einen. Das wird nicht so diagnostiziert – würde aber so im Volksmund bezeichnet werden. Meine Diagnose lautete anders … 🙂

Hydors Golem: Der Begriff Burnout ist halt sehr griffig. Er beschreibt das Gefühl ausgebrannt zu sein, kein Zeichen von „Nachhaltigkeit“

Tobias Peccable: Ja, stimmt. In dem Buch verstecken sich auch Übungen, die dazu animieren sollen, sein Leben außerhalb der Arbeit bzw. Leistung anders zu bewerten.
Ein Arzt würde aber eine Depression in verschiedenen Schweregraden diagnostizieren, da Burnout einfach nicht im ICD 10 vorkommt und somit die Behandlung von Krankenkassen nicht bezahlt werden würde … 🙂

Hydors Golem: Nun das wäre für die Betroffenen ungünstig.

Tobias Peccable: Und auch für die Ärzte … 🙂

Hydors Golem: natürlich. Zum Schluss noch eine Frage (es ist schon 22 Uhr durch) – was macht Tobias Schindegger zum Entspannen? Ich habe bei dir ja auch je ein Buch zum Thema Computerspiele und zum Thema Medienkonsum bei Kindern gefunden.

Tobias Peccable: in der Tat. Das Entspannen musste ich erstmal wieder lernen. Mich im Freundeskreis treffen, Computerspielen, Lesen, Schreiben, mit meinen Kindern (3 an der Zahl) quatsch machen … einfach mal wieder selbst Kind sein, mit meiner Frau etwas ohne Kinder in trauter Zweisamkeit unternehmen, Rad fahren, joggen, Spazieren in der frischen Luft, etc.

Das Maß an gesunder Ent- und Anspannung muss stimmen. Nur relaxen oder nur anspannen machen nicht nur den Muskel, sondern auch die Psyche marode … ein gesunder Mix ist das Richtige.

Disstress vermeiden, Eustress zulassen … 🙂 – Jetzt klinge ich wie ein Glückskeks … 😀

Hydors Golem: Das ist ein guter Schlusssatz würde ich sagen. Ich danke dir – und ab und zu mal einen witzigen Glückskeks, es gibt Schlimmeres 🙂

Tobias Peccable: Danke, es hast mir sehr viel Spaß gemacht.

*1 : eine andere zeitliche Kombination wäre noch ungünstiger gewesen, so musste ich mich dann leider entscheiden. Man kann nicht immer alles haben …

Die Bilder vom SL-Schreibtreff:

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Die Bilder vom Interview mit Tobias Schindegger:

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3 Kommentare zu Das FdL 2015, die Interviews danach: Tobias Schindegger

  1. Vielen lieben Dank. Das Interview hat mir sehr gut gefallen. 🙂

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