{"id":3743,"date":"2015-05-13T11:43:54","date_gmt":"2015-05-13T09:43:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hydorgol.de\/?p=3743"},"modified":"2015-05-13T12:42:39","modified_gmt":"2015-05-13T10:42:39","slug":"schreiben-ist-schreiben-loslassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hydorgol.de\/?p=3743","title":{"rendered":"Schreiben ist Schreiben &#8211; Loslassen"},"content":{"rendered":"<p>Einen Roman zu schreiben ist eine langwierige Sache. Die g\u00e4ngige Analogie ist: Eine Kurzgeschichte ist ein Sprint und der Roman ist ein Marathon. Meine pers\u00f6nliche Meinung dazu ist: Das ist falsch.<\/p>\n<p>Nun nicht richtig falsch, aber auch nicht richtig richtig. Das Verh\u00e4ltnis stimmt meiner Meinung nach schon, aber die Dimensionen sind falsch. Ein Roman hat keine 42,195 Kilometer, er hat 400, 800 oder gar 4000 Kilometer. Das l\u00e4uft man nicht mal eben an einem Tag und schon gar nicht, ohne sich zwischen durch mal eine kleine Pause zu g\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine Kurzgeschichte kann man an einem Tag und am St\u00fcck schreiben, aber das wird dann kein 100 Meter Sprint, sondern ein 400 oder 800 Meter Lauf. Es gibt absolut keinen Grund herablassend auf die Kurzgeschichte zuschauen, den eine gute Kurzgeschichte ist 800 Meter Vollgas. Sie ist ein Edelstein, den es perfekt zuschleifen gilt, damit er seine volle Pracht entfalten kann. Der Roman ist dagegen ein auff\u00e4lliges St\u00fcck Geschmeide, das aus vielen Edelsteinen und noch mehr edlem Metall bestehen sollte. Da muss jetzt nicht jeder Stein perfekt geschliffen sein, damit es trotzdem ein sch\u00f6nes Gesamtwerk ist. Das Metall h\u00e4lt alles zusammen und bildet damit das Ger\u00fcst des Ganzen. Zur Not geht es auch ganz ohne Edelsteine. Nat\u00fcrlich ist das Optimum das alles perfekt verarbeitet und jeder Stein perfekt geschliffen ist. Aber es f\u00e4llt nat\u00fcrlich nicht so auf, wie bei dem einzelnen Stein, den man da unter die Lupe legt.<\/p>\n<p>Wie \u00fcblich schweife ich etwas ab, was bei einem Roman eine St\u00e4rke sein kann und in der Kurzgeschichte t\u00f6dlich ist. Beim Roman kommt es, der langl\u00e4ufigen und verbreiteten Meinung nach, darauf an am Ball zu bleiben. Es \u00e4hnelt einer Pilgerreise. Man l\u00e4uft seine Strecke und erlebt den Weg. An dieser Stelle kommt, was kommen muss: Es gibt die L\u00e4ufer und es gibt die Erleber. Die Diskussion was jetzt der bessere Weg ist, ist eine m\u00fc\u00dfige: man ist was man ist. Ja, ich gebe es zu, ich bin ein entdeckender Schreiber. Meine Planung f\u00fcr jeden einzelnen Schritt des Romans h\u00e4lt sich in Grenzen, andererseits habe ich zwei Mal meine Pilgerreise erfolgreich abgeschlossen. <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/s\/ref=series_rw_dp_labf?_encoding=UTF8&amp;field-collection=Hydorgol&amp;url=search-alias%3Ddigital-text\" target=\"_blank\">Ich bin zweimal am Ziel angekommen und die Ergebnisse sind k\u00e4uflich zu erwerben<\/a>. Soweit so gut.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bin ich dabei auch mal in einer Sackgasse gelandet und habe f\u00fcnf Kapitel mitten im Projekt entsorgt, weil es in die falsche Richtung ging. Und ja das erste Ende ist jedes Mal &#8211; zurecht &#8211; im M\u00fclleimer gelandet.<\/p>\n<p>H\u00e4tte mir planendes Schreiben nicht einiges erspart? Ich hab es ganz am Anfang versucht und es war eine absolute Katastrophe. Es ist schlicht und ergreifend nicht meine Vorgehensweise. Der strikte Plan, wann was geschrieben werden sollte, war absolut t\u00f6dlich f\u00fcr die Kreativit\u00e4t und die Motivation. Dennoch hat entdeckendes Schreiben nat\u00fcrlich auch seine Nachteile. Abgesehen vom Begriff selbst, aber dazu sp\u00e4ter. Es besteht immer die Gefahr, dass man sich verrennt und nicht da ankommt, wo man hin will. Das kann sogar gut sein, denn der Weg dorthin klar, logisch und ohne Handlungsbr\u00fcche ist. Und man einen tollen Abschluss gefunden hat.<\/p>\n<p>Man kann aber auch an der F\u00e4hre zur Insel Mallorca landen, obwohl man eigentlich nach Andalusien wollte. Was macht man dann? Das kommt wohl auf den Startpunkt an. Kommt man aus Wien, kein Problem es liegt auf dem Weg. Kommt man aus Paris, ist es ein kleiner Umweg und sollte zu verschmerzen sein. Bei Madrid als Startpunkt sieht das schon ganz anders aus. Das war einfach die falsche Richtung. An der Stelle sollte man sich dann eingestehen, dass einfach immer weiter geradeaus laufen einen nicht an das gew\u00fcnschte Ziel bringt. Und dann ist wird es hart. F\u00fcnf Kapitel wegzuwerfen ist nicht einfach, aber drei\u00dfig Kapitel sind das halbe Buch. Das schmerzt.<\/p>\n<p>Nun bei meinem aktuelle Projekt habe ich nat\u00fcrlich die 30 Kapitel nicht weg geworfen. Ich habe ein neues Projekt mit dem gleichen Namen angefangen. Und siehe da, es l\u00e4uft sich gleich viel leichter und beschwingter, wenn man ein besseres Gef\u00fchl bei der Sache hat. Etwas nachbessern ist in Ordnung, aber bei Zusammengeschustertem muss man dann noch sagen, ne daraus wird nichts Ordentliches mehr.<\/p>\n<p>Loslassen kann ungemein befreiend sein. Der Ballast ist weg, aber die Erfahrung bleibt.<br \/>\nEin tolles Schlusswort, oder? Na fast, eine Sache habe ich noch: entdeckendes Schreiben. Ich halte das genauso ungl\u00fccklich aus dem Amerikanischen ins Deutsche \u00fcbersetzt wie \u201eShow, don\u2019t Tell\u201c. \u201eZeigen, nicht Erz\u00e4hlen\u201c was sagt das aus? Meiner Meinung nach besser w\u00e4re \u201eErleben lassen, nicht mitteilen.\u201c eine vielleicht passendere \u00dcbersetzung. Das Erz\u00e4hlen hat im deutschen meiner Meinung eine ganz andere Bedeutung und Tradition. Den Grundsatz f\u00fcr spannende, mitreisende Geschichten kannten schon die alten Sagen. Man findet das auch in den M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm. Nichts bahnbrechend Neues also. Das kann aber auch schnell langartig und ausufernd werden. Die Deko braucht kein eigenes Spinn-off, da reicht dann vielleicht ein einzelner Nebensatz.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum \u201eentdeckenden Schreiber\u201c. Ich bin mit dem Begriff wahrscheinlich genau so ungl\u00fccklich wie Sabine Sch\u00e4fers in ihrer Reihe <a href=\"http:\/\/sabine-schaefers.de\/schreibtipps-fuer-bauchschreiber\/\" target=\"_blank\">\u201eSchreibtipps f\u00fcr Bauchschreiber\u201c<\/a>, den schlie\u00dflich verwendet sie den Begriff \u201eBauchschreiber\u201c. Ist das also nur was f\u00fcr Bauchmenschen? Ich behaupte nein. Schlie\u00dflich bin ich ein diplomierter Maschinenbau-Ingenieur und damit ein Kopfmensch. Zahlen, Berechnungen, Konstruktionen all das sollte perfekt passen, bevor man wo m\u00f6glich Menschenleben aufs Spiel setzt. Dennoch sollte man immer zus\u00e4tzlich eine \u00dcberschlagsrechnung mit dem guten Rundungsdaumen machen. Ein Komma kann schnell mal verrutschen.<\/p>\n<p>Warum schreibe ich dann jetzt nicht planend und ich komme trotzdem ans Ziel? Zuerst: nachvollziehbare\u00a0 \u00dcberraschungen in einem Roman sind gut! Zweitens der Begriff \u201eentdeckender Schreiber\u201c ist f\u00fcr mich falsch. Ich bin ein \u201eentwickelnder Schreiber\u201c. Das ist \u00e4hnlich, aber nicht das gleiche. Obwohl man etwas auswickelt und dabei dann das vorher Verh\u00fcllte entdeckt. Ich weis von welchen Startpunkt ich aus losgehe. Ich weis wohin ich will. Was ich nicht weis, ist was mich alles auf dem Weg erwartet. Es macht f\u00fcr mich den besonderen Reiz aus in dem Moment eine L\u00f6sung zu entwickeln, in dem der Weg einem ein Problem stellt.<\/p>\n<p>Was hier den guten Ingenieur vom einem schlechten unterscheidet, ist das man unterscheiden kann ob etwas, trotz Schwierigkeiten, zu einem Guten gebracht werden kann, oder ob der Ansatz schon falsch war. Loslassen kann da Ressourcen f\u00fcr die guten Dinge freimachen.<\/p>\n<p>In dem Sinne: Neuer Weg, neue Hindernisse. Das Leben ist zu kurz f\u00fcr St\u00fcckwerk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen Roman zu schreiben ist eine langwierige Sache. Die g\u00e4ngige Analogie ist: Eine Kurzgeschichte ist ein Sprint und der Roman ist ein Marathon. Meine pers\u00f6nliche Meinung dazu ist: Das ist falsch. 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